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Mehr Leben

KunstWortKunst – Der Stuhl

„Der Stuhl“ von Anja Perschl ist einer von vier ausgezeichneten Texten des Schreibwettbewerbs rund um Arbeiten des Museums DasMaximum

 

Neun Gymnasien und DasMaximum, 46 literaturbegeisterte Zehntklässler von Altötting bis Inzell, jede Menge großartiger Texte und – stellvertretend für sie – vier Preisträger. Das ist das Ergebnis eines Projekts, in dem Schüler aus den Gymnasien der Landkreise Traunstein und Altötting einen individuellen von einem Kunstwerk inspirierten Text geschrieben haben. Wir stellen jeweils Freitags die Texte der Preisträger Max Christis, Anja Perschl, Jonas Eschenfelder und Annalena Plereiter vor.

 

 

Der Stuhl
Von Anja Perschl

Ich laufe immer noch durch die Ausstellungshallen, um mir ein Werk auszusuchen, das mich inspiriert. Ich habe die Räumlichkeiten bestimmt schon zweimal durchlaufen, jedoch noch nichts gefunden, worüber ich schreiben möchte. Ich betrachte ein weiteres Bild, das enttäuschender Weise nichts in mir auslöst, gehe zwei Schritte zurück, doch dadurch wird dieses abstrakte Etwas auch nicht gerade anregender. Ich wende mich ab, um meine mittlerweile dritte Runde durch das Museum zu starten und kann mich gerade noch rechtzeitig abbremsen, bevor ich frontal gegen einen überdimensional hohen Stuhl renne. Ich habe ihn wohl nicht gesehen, weil seine dünnen Beine größer sind als ich und die gelbe Rücklehne, die ebenfalls gelbe Sitzfläche und das darauf liegende gelb-blau gestreifte Kissen sich irgendwo über meinem Kopf befinden.

Wäre ich dünner, könnte ich leicht unter der Sitzfläche des Stuhles durchgehen, doch zum einen lässt das der viel zu enge Abstand zwischen den roten Stuhlbeinen nicht zu und zum anderen würde ich dann den Sicherheitsabstand missachten, also bleibe ich einfach davor stehen und betrachte das Kunstwerk. Vielleicht inspiriert es mich ja, wenn ich es nur lange genug anstarre. Es dauert auch nicht lange und schon bin ich nicht mehr alleine vor dem Stück. Ein etwas älterer Mann ist neben mir stehen geblieben und blickt mit nachdenklicher Miene auf den Stuhl.

„Für wen der wohl gemacht wurde?“, fragt er in die Stille hinein. War die Frage an mich gerichtet? Sie ist jedenfalls gar nicht mal so schlecht. Als Antwort kommen mir Menschen, die sportlich genug sind, um dort überhaupt hochzukommen, in den Sinn, doch mir kommt jemand zuvor. „Dieser Stuhl wurde für denjenigen gebaut, der ihn auch verdient hat“, mischt sich ein Junge ein, der eben noch mit seinem Freund ein Gemälde in der Nähe angeschaut hatte. „Und wer wäre das?“, fragt sein Freund neckisch. „Na, ich natürlich!“, sagt der Junge zufrieden.

Als er unsere zweifelnden Blicke bemerkt, fügt er schnell noch hinzu: „Ich lerne viel und bin ein guter Schüler, meine Leistungen sind herausragend und das Abitur werde ich mit einem Einser-Schnitt abschließen. Ich leiste mehr als alle meine Freunde und habe daher auch einen Stuhl verdient, der mich über sie stellt.“ „Du kannst nicht aufgrund deiner Noten behaupten, dass du besser bist als wir anderen!“, protestiert der Freund des Jungen nun lautstark. „Ich hingegen helfe im Tierheim aus und sammle hin und wieder freiwillig Müll von öffentlichen Plätzen. Ich hätte ihn verdient, weil ich mich im Gegensatz zu vielen anderen Jugendlichen sozial engagiere und helfe, etwas zum Gemeinwohl beizutragen!“ Der alte Mann schmunzelt. Wahrscheinlich amüsiert er sich darüber, wie seine einfache Frage gleich so eine Diskussion hervorgerufen hat.

Auch ich muss grinsen. Anscheinend sehen die beiden Jungs das als eine Art Wettstreit an, wer durch seine Taten und Errungenschaften das Recht hat, auf diesem Stuhl Platz zu nehmen. Sie streiten sich um ein von ihnen als Privileg interpretiertes Ausstellungsstück, wobei dies doch nur ein von Menschenhand gefertigter Stuhl ist. Eine gelbe Sitzfläche auf vier langen, roten Eisenstangen. Doch in ihrer Vorstellung ist es ein Platz, den man sich erkämpfen muss, und je höher dieser Platz ist, desto besser und erfolgreicher muss der Mensch sein, der ihn besteigen darf.

Noch bevor Junge Nummer eins auf den Protest seines Freundes kontern kann, schlendert ein Mädchen zu uns herüber und schneidet ihm das Wort ab. „Eure Gründe sind ja lächerlich!“, meint sie abfällig. Anscheinend erregen wir doch mehr Aufmerksamkeit in unserem Umfeld als eigentlich beabsichtigt. Ich schaue mich noch einmal nach dem alten Mann um, doch er ist schon im nächsten Raum verschwunden. „Ihr denkt doch viel zu kompliziert. Aber wisst ihr, was ich denke?“ Fast ein wenig träumerisch mustert sie den Stuhl. Oh schön, noch eine Aspekt. Ich bin gespannt auf ihre Spekulation und ohne eine Antwort unsererseits abzuwarten, legt sie auch schon los: „Der wurde bestimmt einfach nur entworfen, um besondere Leute aus Menschenmassen hervorzuheben. Models zum Beispiel, vielleicht war der Stuhl ein Requisit einer Modenschau oder bei einem Fotoshooting. Zumindest wäre das mal etwas anderes als das, was man sonst so sieht. Oder Designer haben ihre Models bei diversen Veranstaltungen einfach hier heraufverfrachtet, um auf ihre Kollektion aufmerksam zu machen und sie in den Mittelpunkt zu stellen.“

Eine interessante These, jedoch bezweifle ich das ein bisschen, da der Stuhl mit seinen dünnen Beinchen nicht so aussieht, als würde er ein Model lange tragen können, und wenn sie auch noch so dünn wäre.„Ach Quatsch!“, ruft ein weiterer Junge. Ich bemerke erst jetzt, dass das Grüppchen um das Ausstellungsstück, das ich vorhin fast über den Haufen gerannt hätte, immer mehr Zuwachs bekommt. Und jeder hat eine eigene Meinung zu dem Sinn hinter diesem Ding. „Der kommt aus dem Zirkus. Irgendwelche Akrobaten haben darauf ihre Show abgezogen und ihn jetzt nicht mehr gebraucht.“

Mehrere widersprechende Stimmen erheben sich, die nächste Idee kommt und wieder redet jemand dagegen, um seinen Vorschlag dazu mitzuteilen. Doch ich enthalte mich dieser Diskussion, achte nicht mehr auf die einzelnen Sätze der Menschen um mich herum und ihre Stimmen vermischen sich in meinen Ohren nur noch zu einem Gewirr aus unidentifizierbaren Wörtern. Denn ich habe meine eigene Theorie. Meiner Meinung nach ist der Stuhl einzigartig. In den Farben, der Breite und vor allem in der Höhe, denn jeder Mensch hat seinen eigenen, imaginären Stuhl, es ist ihm nur nicht immer bewusst.

Ich sehe ihn als eine Art Richtlinie, ein Ziel eines jeden Menschen, das man sich setzt. Die Höhe repräsentiert die Ansprüche, die man an sich selbst stellt, also auch das Glück, das man erreichen möchte. Je mehr ich von meinem Leben erwarte, je krampfhafter ich versuche, meine Ziele zu erreichen und je größer meine Erwartungen sind, desto höher wird mein Stuhl und auch dementsprechend schwieriger zu besteigen. Doch uns ist nur nicht klar, wie glücklich und zufrieden wir eigentlich sein können, da wir die Kleinigkeiten im Leben oft einfach nicht bemerken und die Menschen, die uns tagtäglich begleiten, als selbstverständlich ansehen. Eben durch dieses Streben nach Mehr treiben wir unsere Sitzflächen in die Höhe. Für viele Leute ist ihr Stuhl schon gar nicht mehr erreichbar und erfüllt werden sie nie ganz sein. Die Kunst ist es, die perfekte Mischung aus Ansprüchen und der Realität zu finden, seine Ziele nicht allzu hoch zu stecken und sich mit einem „sehr gut“ schon zufrieden zu geben, anstatt ein Leben lang auf das „Perfekt“ hinzustreben. Nur wenn dies gelingt, kann man sich gemütlich auf seinen Platz setzen und die Aussicht genießen.

Vielleicht spielt der Künstler dieses Stuhles, welcher immer noch von Jugendlichen umringt ist, auf den Perfektionismus und den überhöhten Erfolgsdruck der Menschen an, auf das ständige Verlangen nach etwas Besserem, im Job, in der Familie und auch in der Freizeit. Vielleicht hat er aber das perfekte Mittelmaß für sich selbst schon gefunden und es in Form seines Werkes veranschaulicht. Möglicherweise wollte er aber auch die Leute, die diesen Stuhl betrachten, zum Nachdenken bringen und ihnen ihre eigene Interpretation davon lassen. Oder ihm war einfach nur langweilig, als ihm die Idee zu diesem Kunstwerk kam. Jedenfalls hat er mich und viele andere zum Nachdenken gebracht, ob er das wollte oder nicht.
Vielleicht werde ich wirklich über diesen abstrakten Stuhl schreiben, und vielleicht werden diejenigen, die diesen Text lesen, auch dazu angeregt, über ihr Leben nachzudenken und das ein oder andere darin zu ändern. Ich weiß es nicht. Aber was ich weiß, ist, dass ich nun mein Ausstellungsstück gefunden habe und dem alten Mann sehr dankbar bin für seine Frage.

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