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Nils Holger Moormann: Der Rat für Formgebung aus Aschau gewinnt

Nils Holger Moormann gewinnt Personality Preis des German Design Awards 2015

 

NHM Fenster hoch (©Dirk Bruniecki)Aschaus führendem Möbelproduzenten, Nils Holger Moormann, wurde kürzlich der Personality Preis des German Design Awards 2015 für sein Lebenswerk verliehen. Dabei ehrte die Jury ganz besonders seine hohe gestalterische Konsequenz sowie den unternehmerischen Mut, mit dem er sich und sein Unternehmen als international renommierten Möbeldesigner positioniert hat.

Darüber hinaus durfte sich der sympathische Unternehmer auch noch über eine zweite Auszeichnung freuen: Die Zeitschrift GEO Saison wählte sein Hotel berge in Aschau, zu dem er eher wie Jungfrau zum Kind gekommen ist, zu den „100 schönsten Hotels in Europa 2015“.Wir trafen den gebürtigen Stuttgarter Moormann vor einem Jahr an seinem Aschauer Firmensitz zu einem großen Interview und holen dies aus gegebenen Anlass noch einmal hervor.

Nils Holger Moormann im ganz großen Bayernhochsechs-Interview: Moormanns Sinn für Humor spiegelt sich auch in der Namensgebung seiner Möbel wider: Abgemahnt, Bookinist, Egal, oder Moorless heißen die Produkte, die der Meister auf das internationale Designparkett schickt. Wir trafen den gebürtigen Stuttgarter Moormann an seinem Aschauer Firmensitz, er war gerade von einer zweimonatigen Afrikareise zurück und dementsprechend entspannt antwortete er auf unsere neugierigen Fragen.

Herr Moormann, wie sind Sie eigentlich zu dem Firmensitz in Aschau gekommen?

Meine Eltern hatten einen Hof in der Nähe von Frasdorf erworben, mein Vater wollte immer in die Nähe der Berge. Ich eher weniger, fand die Gegend etwas eng und habe mich bald ganz verabschiedet. Danach war ich eigentlich immer nur zu Familienfeierlichkeiten hier. Mein ambitioniert begonnenes Jura-Studium blieb nach dem 8. Semester unvollendet und ich begann in den 80er Jahren mit 1200 DM Startkapital mein Interesse für Design zu einem Geschäft aufzubauen. Der erste Firmensitz war dann  wieder in der Nähe des Hofs meiner Familie und irgendwie fand ich die Region plötzlich spannend. Ein Prozess geistiger Reife, der eng mit der ersten Bergtour zusammenhängt und bei mir die Faszination von „Heidiland“ oben auf der Alm und funktionierenden Dörfern im Tal geweckt hat.

Nach anfänglichen Entwicklungsschmerzen und dem Überleben mit zahlreichen Nebenjobs hat sich die Firma stetig positiv entwickelt und musste in größere Räume ausweichen. Gesucht habe ich in ganz Deutschland, aber eigentlich wollte ich schon hier bleiben, dann wurde mir die seit 40 Jahren leerstehenden Teil der Festhalle angeboten und ich habe das Objekt sofort gekauft. Hier hat heute unsere Entwicklung, der Showroom und die Verwaltung Platz, Logistik und Montage haben wir an den Ortseingang von Aschau verlegen können.

…. und dem Sitz im Gemeinderat?

Ich finde es wichtig, an der Entwicklung der Region aktiv teilzunehmen, gerade das Thema Stadtgestaltung und der Erhalt der alten typischen Bausubstanz  liegt mir sehr am Herz. Ich konnte meine Kontakte zu Fachleuten für die Etablierung eines Gestaltungsbeirats einsetzen, das klingt gut, hat aber leider zu nichts besonderem geführt. Nach sechs Jahren und unzähligen Debatten finde ich meinen Beitrag als Politiker nicht so gut, als dass ich erneut kandidieren müsste. Zumal mein Zeitbudget sehr beschränkt ist und Unternehmer gerne schnell entscheiden und Ergebnisse erzielen wollen – häufig ein starker Widerspruch zum politischen Alltag.

Welche Vorteile hat die Stadt/die Region für Sie als Unternehmer

Als Mensch: Für mich ist die Gegend heute der beste Platz zum leben, ich liebe die Natur, die barocke Architektur und das „büffelige“, aber doch offene Wesen des Bayern. Als Unternehmer: Klar, die Infrastruktur könnte besser sein und die Zahl der Zulieferer ist begrenzt, aber was für uns, in einer Lage am Rand der Republik, anfangs wie ein Nachteil aussah, hat sich heute in einen Wettbewerbsvorteil gewandelt. Kunden konzentrieren sich ganz auf unser Angebot, genießen die Region und ihre barocke Opulenz  und lassen sich intensiv auf unsere Produkte ein. Darüber hinaus gibt es hier viele interessierte junge Leute, die wir gerne ausbilden. Bei Gelegenheit auch dann, wenn sie in der Schule eher als „schwierig“ galten.  – die entwickelten sich meist besonders gut.

KAMPENWAND_detail seil (©Jäger & Jäger)

Wie wichtig sind regionale Zulieferer für Sie?

Die Region macht die Qualität unserer Produkte aus: Mir ist eine hohe Fertigungstiefe zur Sicherung der Qualität und Individualität unserer Möbel enorm wichtig – 98% unserer Möbel werden in einem Umkreis von 30 KM in der Region von sehr guten Spezialisten von Holz-, über Metall- bis hin zu Kunststoffverarbeitung und Lasertechnik hergestellt. Einiges entsteht auch in enger Zusammenarbeit mit der Behindertenwerkstätte der Caritas Wendelstein, die uns mit Know-how und viel Einsatz in der Herstellung unterstützen.

Gleichzeitig müssen wir uns bei dieser „Lokalisierung“ eben auf die Partner hier konzentrieren,  da ist dann nicht immer der allerletzte technische Schrei in der Umsetzung möglich, aber – und das ist das Wesen unsere Produkte – die Auseinandersetzung mit dem was da ist, fällt deutlich intensiver aus und führt zur Konzentration auf das Wesentliche ohne Lametta. All das geht auch nur mit Partnern, die mit Kompetenz, Zuverlässigkeit und einem gelegentlich mürrischen Wesen das Beste aus unseren Produkten holen können. Ich bin wirklich Stolz auf die intensiven und langjährigen partnerschaftlichen Beziehungen, die fest auf dem Fundament gegenseitiger Wertschätzung und „Handschlag-Kultur“ stehen.

Sind ja eher „Möbelerfinder“ als nur Produzent. Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Designer/Projekte aus?

Die Basis ist sicher eine gute Mischung von Erfahrungen und Erkenntnissen und das richtige Gefühl aus Herz/Hirn/Bauch. Oft ist es eine Sekundenentscheidung  ob ein Möbel ein „gutes Möbel“ ist. Ein gutes Möbel sollte den Kunden betören, für den Unternehmer muss es natürlich auch machbar und sinnvoll sein. Bei uns entscheidet ein Team über neue Produkte, ich kann mich zwar nicht immer durchsetzen, aber die kritische und intensive Auseinandersetzung mit neuen Produkten ist unser Lebenselixier und die Existenzberechtigung – Bedarfsdeckung machen andere. Unsere Kunden sind keine „Verbraucher“, sie schätzen unsere Produkte für ihre Kreativität, Qualität und Geschichte.

Klingt natürlich alles super: aber die Größe des Unternehmens und der Zwang  immer neue Produkte zu liefern, um das Wachstum zu sichern, ist für mich manchmal aber auch eine Fessel, da wäre ich dann lieber Faltbootkapitän statt Dampferkommandant. Trotzdem springen wir nicht auf jeden Design-Zug auf, für uns zählt die Kombination aus Funktion, Erfindung und Reiz und nicht die DIN-Norm.

FNP_Schubkasten klein_buecher 01 (©Jäger & Jäger)n

Ihr Lieblingsmöbel?

Ich liebe Bücher – daher das FNP-Regal von Axel Kufus.

Erklären Sie die Beschreibung des Münchner Professors Florian Hufnagel „Moormann ist Minimierung mit hoher Funktionalität“

Minimierung heißt für mich, wenn möglich, immer etwas weglassen – der Gegensatz zum „garnieren“.  Minimierung schafft Klarheit, macht jeden Fehler sichtbar. Unsere Produkte sind die „Essenz“ der Reduzierung, sie funktionieren diskret und mit hoher Selbstverständlichkeit.

Ihr Unternehmen genießt international in der Designwelt einen sehr guten Ruf. Wie schafft man das?

Ich hatte dazu mal eine sehr lange Liste mit Thesen parat, die meisten davon sind mir entfallen. Was übrig bleibt ist Leidenschaft und Konsequenz im Tun. Dabei möglichst auf Kompromisse verzichten und die Qualität als Teil der Konsequenz betrachten – so haben wir uns über die Jahre einen Namen gemacht. Wer mit uns arbeitet kann sicher sein, dass wir versuchen mit Hirn/Herz/Bauch das bestmögliche aus seinen Ideen zu machen.

BOOKINIST_flur (©Jäger & Jäger)

Wie wichtig ist die Nähe zu Mitarbeitern und was unterscheidet Ihr Unternehmen im Umgang mit den Menschen.

Ich bin ein schwieriger Chef, kann zickig sein und fordere viel, aber mir ist wichtig, dass unser Team sehr gut  – auch ohne mich – funktioniert und harmoniert. Freiheit, laufen lassen, zulassen sind meine Prinzipien im Umgang mit den Mitarbeitern. Wir haben derzeit rund 30 Mitarbeiter und funktionieren wie eine Kleinfamilie, Zusammenhalt und Stallgeruch inklusive. Zum meinem und zum Wohl meiner Mitarbeiter gehe ich einmal pro Jahr für ein paar Monate auf Reisen, in dieser Zeit bin ich überwiegend nicht zu erreichen und von selbst würde ich ohnehin nie in der Firma anrufen. Ich denke, dass zeigt ein ordentliches Vertrauensverhältnis, ich krieg den Kopf frei und das Team hat Verantwortung.

Klingt super. Bilden Sie aus? Suchen Sie Mitarbeiter?

Wir bilden 2-3 Lehrlinge aus, die wir auch rasend gerne übernehmen. Mitarbeiter bleiben bei uns gewöhnlich sehr lange, trotzdem gibt es immer mal ein Vakanz oder eine neue Position zu besetzen

Was gefällt Ihnen persönlich an der Region

Die Landschaft, die beseelt und die Menschen, die sich so hervorragend mit einem „Sonderling“ wie mir arrangieren können.

… was würden Sie gerne ändern?

Im Umgang mit unserer historischen Architektur ist viel zu wenig Fachwissen beteiligt. Penny-Märkte und Outletcenter sind sicher kein ästhetisch sinnvoller Beitrag zur Entwicklung der gewachsenen Orte.

Darüber hinaus ist die reine Reduzierung der Region auf Tourismus nervtötend und spiegelt ja in keinster Weise unsere unternehmerische Vielfalt wider.

berge Fassade Schriftzug (©Jäger & Jäger)

Sind Sie für Ihr Hotel berge der Direktor, der Herbergsvater oder eher der Unternehmer mit Mut zur Lücke?

Herbergsvater und Unternehmer mit nächtlicher Bettflucht. Denn das Objekt, das ja ursprünglich unser Logistk-Center werden sollte, hat mich in seiner Schönheit zwar sofort gepackt, aber Investitionen und Verwendung des Gebäudes haben mich doch oft mit Existenzängsten versorgt. Heute ist das berge auch ein Teil unseres Aschauer Moormann-Mikrokosmos, Geschäftspartner wohnen hier, Gäste kaufen unsere Möbel, die Einrichtung vermittelt höchste Authentizität. Was wir unter dem Arbeitstitel „Grandhotel aussichtslos“ gestartet haben, ist heute ein schönes Appartementhaus, das viele Gäste aus der ganzen Welt schätzen. Insofern lag ich nächtelang umsonst wach.

Ihre Tipps für „Zugereiste“

Auf der Metaebene: Natur genießen, auf den Berg gehen, sich auf die Menschen einlassen. Mich hat die Region mit dieser Einstellung eigentlich immer „umarmt“.

Kulinarisch: Alpenrose und Wildenwarth.

Haben sie Hobbies?

Ich bin begeisterter Radfahrer, lese viel und reise gerne um die Welt

 

 

Discussion

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  1. […] Im Rahmen  unserer täglichen Arbeit für den Süden der Republik haben wir mit Herrn Moormann einen der interessantesten deutschen Designer, Unternehmer und Herbergsväter getroffen. Das Interview, welches wir unseren Slow-Wear Lesern nicht vorenthalten wollen, gibt es hier. […]

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